Als Hospizbegleiterin im Einsatz
Brunhilde Hahn, Wüstenrot
Das Thema Tod und Sterben hat, schon so lange ich mich erinnern kann,
in meinem Leben / Denken einen großen Platz eingenommen. Aber
eigentlich wurde ich durch den Gedankenaustausch mit meiner Freundin zur
Hospizbegleiterin. Wir stellten fest, dass das Thema Sterbebegleitung
für meine Freundin aus früherer beruflicher Tätigkeit und für mich
aus reiner Neugierde von Interesse wäre.
1998 habe ich dann bei Pfarrerin Elfriede Schick die Ausbildung
begonnen und abgeschlossen. Während dieser Zeit war ich sehr unsicher,
habe mich immer wieder hinterfragt und hatte oft das Gefühl, für diese
Arbeit nicht kompetent genug zu sein. Ich hatte einfach Angst davor,
Kontakt mit schwerstkranken, sterbenden Menschen aufzunehmen.
Die Vorbereitung während der Ausbildung zum "Nichtstun",
ich meine, nicht mehr handeln zu sollen, nicht mehr zu agieren, zu
organisieren, zu machen, war für mich fremd. "Es ist ja
immer alles machbar".
Mein erster Kontakt zu einer Sterbenden wird mich immer begleiten.
Das Herzklopfen an der Haustür, Schwellenangst, Zweifel, bin ich dem
gewachsen, was kommt auf mich zu, werde ich der Situation gerecht werden
können, mache ich ja keine Fehler, lehnt mich die Patientin ab?
Dann die erste Begegnung.
Das Wohnzimmer war als Krankenzimmer umgestaltet. Viel Licht
durchflutete diesen Raum. Es war freie Sicht über das Tal, für mich
ein gutes Gefühl. Weil "normal sind doch Sterbende im Krankenhaus
und dort in einer Kammer?" Der erste Augenblick, Patientin und ich,
war voller Spannung. Zunächst wurde ich befragt: Über persönliche
Verhältnisse, familiäre Situation, Kinder etc.. Warum machen sie das
überhaupt? Was muss ich denn jetzt für sie tun, wenn sie da sind? Mir
fiel nichts Besseres ein als ihr zu versichern, dass jetzt ihre
Bedürfnisse wichtig sind, nicht meine Wünsche. Diese Aussage musste
sie sofort ihrem Ehemann mitteilen: "Hast du gehört, was ich
will, ist wichtig!" Die Kranke war 59 Jahre alt und fühlte sich
ihr Leben lang für ihre Mutter und Familie verantwortlich. Das Eis war
gebrochen. Ich durfte kommen. Wie ich mich nach diesem ersten Besuch von
ihr verabschiedet habe, sagte sie zu mir "sie haben so schöne
warme Hände". Beim zweiten Besuch war die Patientin schon nicht
mehr ansprechbar. Ich konnte mit meinen warmen Händen bei ihr sein.
Bei den nachfolgenden Begleitungen hatte ich nicht immer die
Möglichkeit, noch persönlichen Kontakt zu den Sterbenden aufzunehmen.
Die Zweifel und Ängste wie bei meiner ersten Sterbebegleitung stehen
bei mir immer noch am Anfang jedes Einsatzes und werden mich wohl immer
begleiten. Aber dafür bin ich auch sehr dankbar, denn sie machen mich
sensibel für den Menschen, den ich in seiner wahrscheinlich
intensivsten Lebensphase begleiten darf.
Seit einem Jahr begleite ich eine junge, lebensbedrohlich erkrankte
Frau. Sie hat sich an den Hospizdienst gewandt, weil sie sich eine
Gesprächspartnerin wünscht, bei der sie "bedingungslos"
ehrlich sein kann – keine Phrasen, keine Ausflüchte, kein Fliehen vor
Ängsten, Gefühlen, keine Rücksichtnahme, z. B. auf die Gefühle ihrer
Schwiegermutter. Für mich ist das eine sehr intensive Begleitung, in
der viel gelacht, aber auch geweint wird.
Und jedes Mal mache ich die für mich ganz wichtige Erfahrung.
Es tut mir gut, aushalten zu müssen, nichts tun zu können oder
müssen, außer da sein und zwar wirklich da sein. Ich habe Vertrauen zu
Gott, Tod und Sterben und zu mir selbst aufgebaut.
Für mich ist Sterbebegleitung die Möglichkeit, mich mit meiner
eigenen Endlichkeit auseinander zu setzen.
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