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Zarte Bilder einer Ausstellung als
Schlüssel zum Paradies
Herr R. und sein Enkel malen miteinander, jeder
für sich. Herr R. gestaltet in der Mitte seines Bildes eine schmale
Landschaft, der Enkel füllt das Blatt mit lauter Blau, nur die Mitte
lässt er frei. Die beiden Zeichnungen lassen sich ineinander legen,
sie passen genau zusammen: ein tief-blauer Himmel wölbt sich über
der fast nur angedeuteten Landschaft und spiegelt sich noch einmal
unter ihr. Eine tiefe Harmonie und Vertraulichkeit zwischen
Großvater und Enkel ist zu spüren.
Und wenn man weiß, dass es das letzte Bild ist,
das die beiden zusammen gemalt haben, entdeckt man noch Tieferes.
„Abschiedsspuren” ist der Titel der Ausstellung, zu der auch dieses
kleine Werk gehört. Menschen, die in einem Hospiz ihrem Tod
entgegengehen, haben in ihren Bildern von ihren innersten Gefühlen
„erzählt`, für die ihnen vielleicht die Worte gefehlt haben mögen.
Zustände von Schwäche und Resignation, Wut und
Verzweiflung wechseln mit Stärke und Zuversicht, mit innerem Frieden
und der Bereitschaft, aus dieser Welt zu gehen. So sehe ich auch das
Großvater-Enkel-Bild: Die Landschaft wirkt wie verloren auf dem
großen Blatt, als habe er sich schon weit aus ihr entfernt und suche
in der Leere um sie herum nach einem anderen Platz.
Und der Enkel spürt das instinktiv und hüllt
alles ein mit seinem Blau, in der Malerei nicht nur die Farbe des
sichtbaren Himmels, sondern gerade der Transzendenz, der Gottesnähe.
Unbewusst zeigt der Kleine dem Sterbenden seinen
Platz. „Bilder sind der Schlüssel zum
Paradies”, schreibt ein großer Kunstsammler. In den
„Abschiedsspuren” (zu sehen im Rathaus in Affaltrach) lässt sich
etwas davon erahnen.
Neben den oft bizarren Auseinandersetzungen mit
dem nahen Tod berühren die zarten, leichten Farben und Formen, die
Helligkeit und Wärme, die viele Bilder ausstrahlen. Und
unwillkürlich fragt man sich als Betrachter, wie man selber mir dem
Sterben umgehen würde, wäre es nicht in unbestimmter Ferne, sondern
ganz nah vor der Tür. Dass wir alle sterben werden, ist eigentlich
das Sicherste, was wir vom Leben wissen können. Und doch tun wir
immer wieder so, als ob alle anderen sterblich wären, nur nicht wir
selber.
n den Psalmen bittet einer um 'Einsicht in
seine Endlichkeit: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben
müssen, auf dass wir klug werden.” Was für eine Klugheit da-mit
gemeint sein könnte, drückt eine alte Inschrift im Dom zu Schleswig
mit einem Wortspiel aus: „Wir müssen täglich sterben, damit wir
nicht sterben, wenn wir sterben.” Täglich sterben, die Gedanken an
den Tod hereinlassen, das ist die Kunst, die Lebenskunst. Täglich
sterben, das heißt, täglich leben, bewusst und dankbar für diese
Zeit und im Wissen, dass jede Nacht schon ein Stückchen Abschied vom
Leben ist. Sich dem öffnen bedeutet, jenes große Loslassen im
Kleinen einzuüben, um das es am Ende gehen wird.
Mozart, an den wir in diesem Jahr so oft
denken, hat früh gelernt: „Ich lege mich nie zu Bette ohne zu
bedenken, dass ich vielleicht so jung als ich bin, den anderen Tag
nicht mehr sehen werde – und es wird doch kein Mensch von allen, die
mich kennen, sagen können, dass ich im Umgang mürrisch oder traurig
wäre – und für diese Glückseligkeit danke ich alle Tage meinem
Schöpfer und wünsche sie von Herzen jedem meiner Mitmenschen.”
Elfriede Schick in der Heilbronner Stimme vom
15.09.2006
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