Martin Enz, Pfarrer
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Mit Kindern übers Sterben und den Tod reden
Vortrag im evangelischen Gemeindehaus Löwenstein am 14.11.2002 um 20
Uhr
- Einstieg
Über Bilder und Musik
Begrüßung
Liebe Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner im Ev.
Gemeindehaus Löwenstein,
so möchte ich Sie heute Abend nennen, weil ich mich zwar als einen
Menschen verstehe, der sehr viel mit kranken und sterbenden Kindern zu
tun hatte. Aber auch als einer, der bei jedem Kind und jeder Frage von
Kindern neu überlegen muss, wie antworte ich kindgemäß auf Fragen
nach dem Sterben und den Tod. Und dort haben Sie bestimmt auch schon
Erfahrungen gemacht: gute, wie schwierige, und sei es nur in Ihrer
Phantasie.
Und ich möchte Sie begrüßen als "Mitkinder",
denn über den Einstieg mit den Bildern der Folie und der Musik,
haben Sie vielleicht ein wenig Kontakt aufgenommen mit dem Kind in sich
selbst, jenem Kind, das fragt:
"Warum muss Sterben so einsam sein?
Warum angeschlossen an Maschinen?
Warum müssen Augen von ganz kleinen Kindern vom Sterben erzählen?
Warum die Verzweiflung der Mutter?
Vielleicht haben Sie während der Bilder sich erinnern lassen an
eigene Erlebnisse mit Sterben und Tod? An Erlebnisse, die in Ihnen
wieder all die Traurigkeit hoch kommen ließ, die Sie vielleicht
überwunden glaubten, vielleicht aber auch nicht.
Ziel meines Einstieges heute Abend mit Ihnen ist es, dass wir uns
unserer eigenen Gefühle beim Thema Sterben und Tod ein wenig bewusster
werden. Ich weiß nicht, ob dies in den wenigen Minuten des Einstieges
gelungen ist.
Wichtig ist mir dieser Einstieg, weil beim Reden mit Kindern und
Jugendlichen über den Tod, und sei es der Tod der Nachbarin oder gar
der Tod des geliebten Kaninchens, wir uns "Erwachsene" im
klaren sein müssen, welche Gefühlsorkane – das sind mehr als
Stürme – in den Seelen unserer Kinder toben.
Wenn das Thema heute Abend lautet: "Mit Kindern über Sterben
und Tod reden", dann wünsche ich mir, dass Sie nicht zuerst nach
platten Antworten fragen, sondern dass Sie danach fragen und jetzt auch
gleich mit mir nach Antworten suchen auf die Frage: "Wie rede ich
mit Kindern über ein Erleben der Kinder, das sie vielleicht nur
neugierig gemacht hat – sie aber vielleicht auch im tiefsten ihrer
Seele erschüttert hat!"
Rede ich einfühlsam, indem ich zunächst gar nichts sage und nur das
Kind in die Arme schließe und ihm Halt anbiete im Toben des Orkanes?
Oder spüre ich die kindliche Neugierde, und versuche ich deshalb
diese kindliche Neugierde so zu stillen, dass ich sämtliche
wissenschaftliche Bücher hervorziehe, die ich besitze, und indem ich
dem Kind dann einen anderthalbstündigen Vortrag halte angefangen bei
der Schöpfungsgeschichte, über den so genannten Sündenfall und der
damit verbundenen Lehre vom Tod als der Sünde Soll bis hin zu
Auferstehungsspekulationen und Reinkarnationsgedanken heutiger Esoterik.
Ihr Kind wird Sie niemals mehr nach Sterben und Tod fragen und Sie
werden erstens ihre Ruhe haben vor lästigen Fragen, die Sie selbst
nicht beantworten können, und Sie werden sich zweitens dazu noch
einbilden, Ihre Antwort war so gut, dass Ihr Kind jetzt alles weiß und
deshalb nichts mehr fragt.
So nicht!
Wie dann? Zunächst, und das noch einmal als wichtigster Punkt an
diesem Abend: Versuchen Sie zu spüren, welchen Hintergrund die Frage
ihres Kindes hat. Ist es ein emotionaler, oder ein von kindlicher
Neugierde geprägter Hintergrund. Die Frage: Papa, wo ist der Opa
können Sie dann zweierlei beantworten.
Die einfachere Frage ist die des neugierigen Kindes. Die Antwort
könnte lauten: "Nachdem der Opa im Krankenhaus gestorben ist,
hat der Herr Maier, du weißt schon, der Bestattungsunternehmer ihn mit
einem Sarg vom Aufbahrungsraum der Klinik auf den Friedhof gebracht.
Dort liegt er jetzt in einer der Kammer. Sollen wir gemeinsam den
verstorbenen Opa dort besuchen?"
Der anderen Antwort, der emotionalen Antwort, möchte ich mich im
folgenden mit Ihnen ganz behutsam nähern. Ich beziehe mich im dabei auf
den so genannten "Ratgeber für Eltern": Mit Kindern über den
Tod sprechen" von Earl. A. Grollmann. Ich empfehle Ihnen dieses
Büchlein sehr, wenn Sie sich intensiver mit diesem Thema beschäftigen
möchten, oder wenn Sie sich auf bestimmte Fragen und Situationen
einstellen möchten.
III Ich möchte zunächst jedoch mit Ihnen nachdenken, was es uns oft
so schwer macht mit Kindern über die Themen Sterben und Tod zu reden.
Ich will schlimme Erfahrungen vom Kindern fernhalten.
Ich komme beim Thema Tod an eigene Grenzen des Verstehens.
Ich weiß, dass meine eigenen Antworten noch unfertig sind.
Die Fragen der Kinder kommen oft so überraschend und lassen mir
meist kaum einen Zeit-Raum zum Nachdenken.
Ich möchte kindgerecht antworten, und fürchte dabei etwas
Falsches zu sagen.
Das Thema Tod nötigt mich, mich mit meinen eigenen Ängsten den
Tod betreffend auseinander zusetzen.
Und wenn das Kind nach dem Tod fragt
Weil: wie oben angesprochen der Opa gerade gestorben ist?:
Weil der Hamster gestorben ist
Weil die Oma im Sterben liegt
Weil es selbst sehr krank ist und der Tod in den Blick kommt?
IV Wie wurde ich in der Erinnerung meiner Kindheit an den Tod
herangeführt? Wann bin ich dem Tod wie begegnet? Welche Antworten
erhielt ich? Welche waren hilfreich, welche waren für mich weniger
wertvoll?
IV.1. Eigene Beispiele:
Bild eines getöteten US-Soldaten im Vietnam-Krieg
Schlachtung zweier Täubchen
Verlustängste die Mutter betreffend (Ahnung von Brüchen im Leben)
Sterben meiner Großmutter – verzweifeltes Beten
Tod meines Vaters 62-jährig
Todeserfahrung aus dem Abbruch einer wichtigen Beziehung
Tod aus dem Buch: "Die Liebe zur Zeit der Cholera"
Sterbebegleitungen in der Lungenfachklinik Löwenstein
I.V.2. Konsequenzen
Kinder auf den Tod vorbereiten, und sei es der Tod des
Wellensittichs
Bei anstehenden Todesfällen die Kinder vorbereiten
Sich den Fragen der Kinder ehrlich stellen
- genau hören, was Kinder fragen: Wo ist Opa? Im Sarg!
- Rückfragen, ob eigene Vorstellungen schon da sind und die
- positiv aufgenommen werden sollten
- nicht negiert, aber in Frage gestellt werden können.
V. Atmosphäre des Vertrauens
Oft können wir Erwachsenen unsre eigenen Reaktionen, Angst,
Unsicherheit nicht von der des Kindes unterscheiden.
Kinder müssen merken, dass wir ihre Fragen ernst nehmen. Was nicht
bedeutet, dass wir eine wohl wichtige, aber kleine Frage als Auslöser
einer Lehrstunde nehmen.
Es gibt wenig Anlässe, wie man den Umgang mit dem Sterben, das
Sprechen über den Tod einüben kann. Darum die wenigen Anlässe
aufnehmen, aber dem Kind nicht aufdrängen.
Bsp: Sollen wir die alte Kröte im Garten begraben?
VI Wie sollen Kinder auf den Tod der Großmutter, oder die
Beerdigung des Onkels, des Bruders vorbereitet werden?
Bücher eignen sich nur, wenn ich sie selbst gut finde.
Bilder und Symbole muss ich auch in ihrer Auswirkung kennen –
Raupe, Puppe, Schmetterling.
Vorsicht: Tod ist nicht gleich Schlaf.
Problem: Warum hat er sich vor der langen Reise nicht
verabschiedet?
Wann kommt er wieder? Warum schreibt er nicht?
Das gilt auch für die Frage nach einem Leben nach dem Tod.
Wer über seinen Glauben reden kann, der tue dies.
- Wieviel können Kinder begreifen
Siehe Anlage
VII.1 Vorschulalter
Obwohl ein Kleinkind sich unter dem Wort noch Tod nichts vorstellen
kann, reagiert es auf einen Verlust. Ein verändertes emotionales
Klima zu Hause und Reaktionen wichtiger Bezugspersonen können die
sichere Welt des Kindes durcheinanderbringen.
Kinder haben keine Angst vor dem Tod (Kübler-Ross), eignen sich
jedoch die Ängste der Eltern an.
Kinder haben vor allem eine Furcht, nämlich die, verlassen zu
werden. Die Angst, von den Eltern verlassen zu werden, beginnt im
Alter von einem Jahr und kann bis zum 7./8.Lebensjahr dauern.
Nach einem Todesfall, kann die Trennungsangst groß werden:
Verhaltensänderungen, Bedürfnis nach übertriebener Aufmerksamkeit.
Nachforschungen ergaben, dass bei Kindern folgende Fragen immer
wiederkehren: Was ist der Tod? Wodurch sterben Menschen? Was passiert
mit den Menschen, wenn sie sterben? Wohin gehen sie?
Tod wird nicht als endgültig geglaubt. Tod = Schlaf, oder: Reise.
Wenn der Vater zur Arbeit geht, wird dies als "Tod" erlebt.
Fernsehen lehrt: Nach einer Explosion und dem Zerrissen werden,
kehrt Micky Mouse gesund wieder zurück.
Tod gilt als etwas Zufälliges: Autounfall, Einbrecher.
Tod = Verstümmelungen
Der Tod tritt nicht unvermeidlich ein. Menschen können ewig leben.
Grollman S. 37: Wiederholen Sie immer wieder, dass der betreffende
Mensch tot ist, niemals wieder lebendig wird und nicht auf dem
Friedhof wohnt. Erklären Sie, dass der Tod nicht eine Bestrafung für
schlechtes Benehmen ist. Wenn die Worte ausgehen, nehmen Sie die
Kinder in die Arme: zeigen Sie ihnen ihre Liebe und Zuneigung.
VII.2. Fünf- bis neunjährige Kinder
Der Tod wird als etwas Endgültiges begriffen. Alle Lebewesen
müssen sterben, aber ich wahrscheinlich nicht. Kinder leugnen den Tod
meist nicht, anerkennen aber auch nicht seine Unausweichlichkeit. Der
Tod trifft nur andere.
Tendenz: Tod als Person oder Geist anzusehen
VII.3. Zehnjährige und ältere Kinder
Realistische Vorstellungen aufgrund biologischer Beobachtungen.
Der Tod als das Ende des Lebens ist für diese Altersgruppe ein
besonders beängstigendes und schmerzliches Ereignis. Der Tod ist hier
die Folge des biologischen Ausfalls der Organfunktionen. Wichtig hier:
die Offenheit alles anzusprechen, anzuschauen.
Exkurs: Kindliche Phantasien über den Tod und das Leben danach,
Beispiele von 9 jährigen Kindern
Martina: Wenn ich mal sterbe, aber mein Herz stirbt dann nicht.
Weil immer im Herzen alles gut ist. Und im Himmel ist auch alles gut.
Sie malt eine Spirale mit verschiedenen Stationen, am Ende der Sarg,
aber davon geht ein Bildchen weiter mit vielen Herzen.
Claudia: Ich möchte nicht sterben, weil der Tod nicht schön ist.
Aber weil alle Menschen sterben, stelle ich mir ein Paradies vor ...
Timo, 8.J.: Wenn ich ins Grab falle, falle ich ins Nichts, aber
immer noch auf eine Art Straße.
Ulli: Wenn ich ins Grab falle, stelle ich mir vor, dass ich
in 1000 Fetzen falle. Im Krieg fallen, zerfetzte Leichen,
so entstehen kindliche Bilder aus dem, was sie aufschnappen.
Katrin: Ich stelle mir vor, dass ich, wenn ich im Grab bin, so
lange drin bleibe, bis die Welt von der Sonne verbrannt worden ist.
Dann fängt die ganze Welt wieder an: wenn ich dann von meiner Mutter
geboren werde, tue ich immer wieder das gleiche und das geht immer so
weiter.
Kirsten: Ich denke über den Tod so: Eigentlich ist ja alles
umsonst, was man tut. Denn wenn man sowieso stirbt, ist die Schule,
die Arbeit und alles umsonst gewesen. Andererseits sehe ich das so:
Jeder Mensch muss einmal sterben, weil sonst kein Platz mehr auf der
Erde wäre.
- Der christliche Glaube bei der Bewältigung einer Verlust –
Erfahrung
- die Bedeutung des kurzen Gebetes am Kinderbett
b. Die "Warum" –Frage bei Kindern
weil die alte Kröte bereits sehr, sehr alt war und wahrscheinlich
auch eine fürchterliche Krankheit hatte und nicht nur eine Erkältung
oder Fieber.
Warum – als Sinnfrage: zuerst nach eigenen Antworten fragen
Ehrlich sein: auch einmal sagen können "Ich weiß es
nicht" Von eigenen Hoffnungen reden, so sie mich tragen können.
Einige klassische religiöse Anregungen, wie man Kindern, die den Tod
eines ihnen nahestehenden Menschen erfahren haben, helfen kann:
"Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen ..."
– Dahinter Steckt die Vorstellung von einem allmächtigen Gott, der
willkürlich, unbegreiflich, grausam ist.
"Gott weiß die Antwort, und irgendwann werden wir sie auch
wissen ..." – Das sollte man nur sagen, wenn man wirklich
davon überzeugt ist.
"Die Krankheit des Kindes ist eine Strafe Gottes." –
Dieses Denken steckt in den Köpfen und Seelen vieler Menschen, oft als
Frage: "Was habe ich böses getan, dass mein Kind so krank
wurde". Geschwister fühlen sich oft schuldig am Tod der
Schwester/des Bruders.
Jesus hat solches Denken eindeutig zurückgewiesen (Joh.9). Dennoch
taucht der Gedanke immer wieder auf. Vielleicht deshalb, weil wir
Menschen nichts mehr fürchten, als die Ursachen für etwas nicht zu
kennen, Oder: weil Schuldgefühle immer noch leichter auszuhalten sind
als Angst und Trauer.
"Die Kinder, die sterben, werden zu Schutzengeln für andere
..." – Für manche Eltern ist das eine tröstliche
Vorstellung, andere können damit gar nichts anfangen. Eine solche
Antwort würde ich nicht anbieten, aber – wenn sie von Eltern kommt
– aufnehmen. Hier steckt sicher auch der Wunsch dahinter, dem Tod
einen positiven Sinn zu geben.
"Gott hat dem Kind viel ersparen wollen. Er hat es zu sich
geholt, weil er es besonders lieb hat" – Ich glaube nicht dass
ein solcher Satz den Schmerz lindert. Die Reaktion einer Mutter war: Ich
will es aber behalten. Wird solches jedoch aus tiefem Herzen geglaubt,
widerspreche ich nicht. Dann kann es trösten.
"Jedes Kind hat eine Aufgabe zu erfüllen, dann darf es heim zu
Gott. Jeder Mensch hat das Leben las Prüfung zu bestehen, wir dürfen
heim, wenn wir unsere 'Hausaufgaben' gemacht haben ..." (nach
Elisabeth Kübler-Ross). Auch hier geht es um den Versuch, ewas
eigentlich Unverständliches einordnen, verstehen zu können.
Hinter den religiösen Antworten stehen entsprechende Gottesbilder,
die man sich möglichst bewusst machen sollte. Bilder von einem
allmächtigen Gott sind sehr häufig. Dieser Gott trägt dann auch
entsprechende Züge von Willkürlichkeit, Unbegreiflichkeit und
Grausamkeit.
Eine andere mögliche Vorstellung wäre: Gott leidet mit uns
(Problem: Ist er dann nicht allmächtig?) Er ist da, wo es Menschen
schlecht geht. Im Leiden erfahren wir immer wieder überraschende Hilfe.
Christus hat am Kreuz erfahren, was menschliches Leiden bedeutet
Damit ist er besonders denen nahe, die leiden. So werden wir getragen
gerade auch in dieser eigentlich unerträglichen Situation, Gott wird
auch weiterhelfen.
Wir müssen uns damit abfinden, dass unsere Antworten nicht
"aufgehen", dass bei jeder Antwort ein Rest bleibt. Die
Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen zu einer Annahme dessen, was
geschehen ist, erst durch die Klage, den Zweifel kommen, unabhängig von
der religiösen Einstellung. Auch für Christen ist die Klage ein Weg
der Trauerarbeit.
Eine andere, nicht vom Glauben an Gott getragene Antwort gab Hermann
Hesse in: Mechthild Voss-Eiser ""Noch einmal sprechen von der
Wärme des Lebens ...""Herder (19,80 DM) S.107
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